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Samstag, 11. November 2006, 12:17

Berge des Wahnsinns

Inhaltsangabe

In Form eines Tagebuchs zeichnet Ich-Erzähler William Dyer den Verlauf einer Expedition in die Antarktis nach. Zunächst suchen er und sein Team nach außergewöhnlichen Gesteinsarten, doch dann türmt sich vor den Augen der Expeditionsteilnehmer ein Gebirge von gewaltigen Ausmaßen auf. In einer Höhle machen sie eine beunruhigende Entdeckung, dann plötzlich bricht der Kontakt zum Forschungsteam ab. Ein Suchtrupp wird losgeschickt und das wahre Grauen beginnt...


Story

Danforths Worte meißeln sich in die glatten Wände seiner Zelle in einer Nervenanstalt. Eine wissenschaftliche Exkursion in die Antarktis brach das Seelenleben des jungen Studenten entzwei. Voller Qual, ob der Ungläubigkeit, die ihn entgegenströmt wie ein unbezähmbarer Fluss, plagen ihn seine Erinnerungen an schier grausige Begebenheiten. Seine Schilderungen versickern jäh in den Mauern der Psychiatrie. Alte Wesen…

Berge des Wahnsinns, ein Roman von H.P. Lovecraft, der sich wiederum an Edgar Allan Poes Reise des Arthur Gordon Pym anlehnt, mündet in Lauschrauschs Debüt auf dem Hörspiel-Markt. Skurril beginnt es, mit einem eindringlichen, beinahe beschwörenden Duktus. Der Student kramt Unheimliches aus seiner Gedankenkiste. Wenn andere ihm schon nicht glauben, so mag ich es umso mehr. Neugierige Fragen wirft Danforth auf. Erste gruselige Tropfen fallen auf den noch nackten Boden der Geschichte. Ihrer Spur schließen sich nun die folgenden Ereignisse des Hörspiels an. Näher betrachtet geben Danforths Aussagen sogar den Rhythmus, ja den Charakter der Adaption von Lauschrausch an. Es wird ein Werk der Vorstellung sein, eine Reise in das Unaussprechliche. Doch um den nebulösen leichte Konturen angedeihen zu lassen, entfaltet sich zunächst erstmal eine nahezu klassische Abenteuer-Geschichte.

Der Forscher William Dyer leitet eine Expedition in die Antarktis. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit, führt er fortan in erzählender Weise durch sein Tagebuch und sorgt auf diese Weise für Struktur in der Produktion. Im Mittelpunkt jener Expedition steht die Suche nach Gesteinsarten, monumentale Zeugen der Erdgeschichte, die in der antarktischen Kälte nahezu unberührt auf ihre Entdeckung warten. Das Tagebuch öffnet und schließt sich in regelmäßigen sowie verständlichen Passagen. Folglich wechselt das Hörspiel Zeitschienen und Orte, denn wie Danforth sein Klagen in der Anstalt nach der Expedition zum Ausdruck bringt, so versucht Dyer derweil eine neue zu verhindern, indem er sich einem bekannten Professor anvertraut und ihm seine Erlebnisse offenbart. Das Gespräch mit dem Gelehrten wächst zu einer Bank heran, auf der sich die Handlung Zeit nimmt, um sich vom Schmökern im Tagebuch auszuruhen, Antworten zu liefern und Ausblicke auf den Weg zu bringen. Ein geballtes Instrumentarium an dynamischen Elementen belebt somit das Hörspiel.

Charakteristisch, wie schon erwähnt, wandelt der Plot alsbald in einem abenteuerlichen Gewand umher. Die Vorbereitungen der Expedition rücken in den Vordergrund. Der Name Danforth taucht auf, wodurch sich eine Brücke zum Anfang aufbaut. Weitere Persönlichkeiten schließen sich dem enthusiastischen Forschergeist an. Darunter der Biologe Professor Lake, dem noch eine zentrale Rolle zu gute kommen wird. Auffällig ist der ungestüme Aktionismus, der beinahe naive Drang, Geheimnisse mit aller Macht aufzudecken, der sich anschließend auf der Reise mit einem Schiff in die Antarktis breit macht. In diese menschliche Unbefangenheit zwängt sich eine seltsame Beobachtung. Kurz vor dem Ziel gleitet das Schiff langsam an schroffen Eis-Formationen vorbei. Diese erscheinen den Personen an Bord eigenartig symmetrisch, wie die Mauern einer Burg. Lauschrausch berührt sachte die Taste eines Klaviers, so vereinzelt streuen sich kleine Details, winzige Sonderbarkeiten in die Geschichte ein. Noch sorgsam umgarnt von einem vermeintlichen Abenteuer, schält sich langsam das Grauen aus seiner Hülle. Eine verführerische Komposition, da der Hörer zwischen lustvollem Schwelgen in einem Abenteuer, jäh aus seiner Stimmung gerissen und mit mysteriösen Spitzen konfrontiert wird.

Die konsequente Fortführung der Expedition findet sich im Aufbau eines Basislagers wieder. Sobald dieser neuralgische Punkt errichtet ist, beginnen schon die Bohrungen. Nach dem furiosen Fund eines seltsamen Abdruckes, der scheinbar von einem Fuß stammt, trennt sich Professor Lake vom Basis-Lager, um dieser Spur nachzugehen. Die Kommunikation zwischen dem wissenschaftlichen Leiter William Dyer und Lake läuft nun nur noch über Funk. Ab diesem Zeitpunkt ändert die Produktion ihr Antlitz. Aus einem Abenteuer wird ein hörbarer Abstieg in die Tiefen der Angst. Leichtes Rauschen begleitet den Funk, endlos, monoton, aber die Worte Lakes lassen das Blut in den Adern gefrieren. In der Ferne, unerreichbar für den Rest der Forschungsgruppe und verschlossen für schildernde Augen und Münder, gerät das menschliche Selbstverständnis außer Kontrolle. Die Aorta, der treibende Puls wird in dieser Situation, die zu den imposanten des Hörspiels gehört, vorzüglich getroffen. Ein Spiel der Phantasie nimmt seinen Lauf. Worte schaffen Anhaltspunkte für das Vorstellungsvermögen. Der Schrecken am anderen Ende der Leitung ist auf diese Weise universell, indes aber auch förmlich individuell auslegbar. Die Regie gibt demnach eine einzige Möglichkeit, die persönliche Ausarbeitung der Geschehnisse in Gedanken zu betreiben.

Bis dato hält sich das Konzept in einer angenehmen Anspannung. Es gleicht einem zum Sprung bereiten Raubtier. Detailliert rollt sich das Hörspiel aus. Nachdem der Funkverkehr still steht, machen sich Dyer und Danforth auf, um dem Problem nachzugehen. Was sie letztlich vorfinden, verschlägt ihnen die Sprache. Im Bauch verbreitet sich das Gefühl, dass dieses Raubtier nun endlich zum Sprung ansetzt und sein Opfer anfällt, doch ab diesem Zeitpunkt schläft das Hörspiel langsam ein. Diese klug und spannend inszenierte Aufbereitung, der leichte Nervenkitzel, endet in einem bisweilen monotonen und nur selten packend aufblitzenden Ende. Die Bohrungen in das Erdinnere waren der Ursprung für Schrecken und Verderben. Metaphorisch entlehnt, dürfen die Bohrungen auch als eine Analyse der menschlichen Seele verstanden werden. Ein offener Kanal voller Ängste und Motivationen, voller Sehnsüchte und Arroganz. Leider bleibt der Bohrer stecken und müht sich vergeblich in tiefere Regionen vorzudringen. Eine Sprache, die so exakt wie ein Bauplan ist, übernimmt das Zepter und entlässt das Grauen aus dem Hörspiel. Einerseits faszinierend wie konkret und anschaulich das Skript nun vorgeht, jedoch mag dies nicht mehr für ein Frösteln sorgen. Nachdenklichkeit, tendenziell zu ermattend, verwischt den zuvor sehr guten Eindruck. So empfand ich den Schluss äußerst ernüchternd, beinahe sogar unbefriedigend, der aber selbstredend an dieser Stelle nicht verraten wird.

Die Berge des Wahnsinns beziehen ihren Reiz aus dem Unsichtbaren, den wagen Andeutungen und existenziellen Fragen. Der Mensch verlangt jedoch irgendwann nach Antworten. In diesem Sinne war ich ebenfalls auf der Suche nach einer eindeutigen Erklärung, nach einem wahren Sinn. Ein unerträglicher Zustand, keinen expliziten zu finden. Doch halt! Liegt da nicht gerade eine verwurzelte Angst des Menschen verborgen, jene, keine endgültige Antwort zu finden, etwas nicht erklären zu können?! Was der Mensch nicht nachvollziehen kann, erscheint ihm suspekt. Das Ende ist mir suspekt. Es erfüllt mich mit Befremden und macht es mir schwer eine Beziehung aufzubauen. Eines ist jedenfalls gewiss. Diese emotionale Lage scheint kein Zufall zu sein, sondern ein konkret anvisierter Zustand. Zur Folge hat dies Distanz und den Wunsch nach einem anderen Ausgang.

Exzellent mutet hingegen der dezidierte Umgang mit Ratio und Emotion an, der sich in den Rollen von Dyer und Danforth ablesen lässt. Ihre gemeinsamen Erkundungen nach Lakes Verschwinden gelten als Abbild des menschlichen Umgangs mit gefährlichen und unerklärlichen Situationen. Die kontrollierende Vernunft einerseits und aufbrausende Gefühle andererseits. Die Hörspiel-Adaption des Romans von H.P. Lovecraft sucht insofern die feinen Zwischentöne, die weniger greifbaren Aspekte des Horrors, welche über weite Strecken der Spielzeit ihre Wirkung nicht verfehlen. Beileibe schert sich dieses Hörspiel nicht um ausgeschmückte Gewalt. Stattdessen wagt die Dramaturgie einen Schritt zurück in die Wurzeln der Psyche.


Sprecher

Die Inhaltsangabe auf dem Digipack bemüht sich nicht um einen kleinen Bühnenauftritt. Mit stolzer Brust verweist sie unter anderem auf das Sprecherensemble. Das liest sich zuerst beeindruckend, doch Schall und Rauch liegen schon mal dicht zusammen. Beruhigen darf ich die Lesenden. Die Charaktere haben, mit einer Ausnahme, eine sorgsam ausgewählte Besetzung erhalten. Lutz Harder alias William Dyer darf sich an viel Text austoben. Die intellektuelle Ausrichtung Dyers trifft Harder vorzüglich. Kleine Unsicherheiten in der kühlen Vernunft dieser Person sind ebenso auszumachen, wodurch die Rolle an Glaubwürdigkeit gewinnt. David Nathan versucht sich an dem jungen Studenten Danforth. Die fehlende Erfahrung des Mannes spiegelt sich in Nathans gefühlvolle Art zu interpretieren wieder. Friedrich Schönfelder und Christian Rohde mimen, ihren Klangfarben angemessen, ältere Professoren. Es ist immer wieder ein Genuss diese beiden Herren zu hören. Jan Pröhl (Douglas) und Michael Jackenkroll (Moulton) finden nicht ganz den Anschluss, was aber immer noch eine gute Darbietung bedeutet. Übrig bleibt Herbert Fux, der Pabodie verkörpert. Falsche Betonungen sind ihm bei weitem nicht anzulasten, aber der Dialekt wiegt leider zu schwer. Was die Produzenten dazu bewogen hat, einen Amerikaner mit einem österreichischen Sprecher zu besetzen, der seinen Dialekt nicht ganz unterdrücken kann, ist mir ein Rätsel. Da verschwindet die beeindruckende Vita des Herrn Fux hinter dem gesprochenen Wort. Wenigstens halten sich die Auftritte von Pabodie im Hörspiel in erträglichen Maßen. Kaum auszudenken, wenn es eine Hauptrolle gewesen wäre.


Musik

Endlich mal ein frisches Instrument, welches zudem eine mystische Atmosphäre transportiert. Ein Didgeridoo röhrt, wie von Geheimnissen umwoben, seufzend und klagend eine endlose Melodie hinunter. Die Ewigkeit der Antarktis klirrt darin mit. Doch nicht nur dieses alte Instrument vom australischen Kontinent sorgt für angespannte Nerven. Beiläufig werden Bass-Saiten gezupft, organische Töne kratzen an den Ohrmuscheln und richten die Haare an den Armen auf. Insgesamt erstreckt sich die Musik in Richtung Hoffnungslosigkeit und epochaler Vergangenheit.


Effekte

Dieses Kapitel kann sich leider nicht empfehlen. Auffällig sind die häufig steril klingenden Räume. Ihnen fehlt es an Wärme und einem natürlichen Klang. Vor Augen hatte ich daher oftmals das Studio samt Sprechern, anstelle einer Höhle oder der Antarktis. Aufgrund der gestörten Harmonie leidet das Hörspiel an manchen Stellen deutlich. Gelungen sind die Geräusche der Umgebung. Eisiger Wind zieht seine Bahnen, ein Bohrer wühlt sich hartnäckig durch Gestein. Die Kulisse bleibt indes über die gesamte Spielzeit generell reduzierter und verschwindet zu stark im Hintergrund.


Cover

Hier wird das Auge geschmeichelt und das Herz schlägt schnell höher. Ein herrlicher Digipack, der auch noch in einem Pappschuber seine Heimat findet. Vorbildlich. Das Booklet ist sehr umfangreich. Informationen zum Schaffen von H.P. Lovecraft, Illustrationen, Fotos und Biografien der Sprecher. Das darf gerne Standart im Hörspiel-Sektor werden. Allerdings entspricht die Angabe der Dauer des Hörspiels nicht der wahren. Es sind doch ein wenig mehr als 94 Minuten. Satte 115 Minuten warten auf den Käufer.


Fazit

Ein Debüt mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite eine intelligente Geschichte, die wunderbar mit der Phantasie spielt und durch Meister ihres Faches am Mikrofon vertont wird. Auf der anderen Seite dieses zähe Ende, der künstliche Klang mancher Orte und die Fehlbesetzung von Pabodie. Lauschrausch offenbart viel Potential, dass jedoch von nicht gerade unwesentlichen Kritikpunkten durchzogen ist. Ein Wagnis ist es jedoch allemal wert...

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Panaray« (28. Oktober 2008, 21:42)